Unsere Heimreise - Gedser, die Kleinstadt auf der dänischen Insel Falster
- Anke Dollase
- 18. März 2023
- 3 Min. Lesezeit
"Es ist ein melancholisches Lied, das Lied von der Heimkehr."
-Theodor Storm-
Schweren Herzen verlasse ich mein lieb gewonnenes Figeholm. Selten habe ich mich an einem Ort so wohl gefühlt. Es ist mit Worten nicht zu beschreiben, es ist ein Gefühl, welches sich in einem ausbreitet, eine Art Heimatgefühl. Es fühlt sich vertraut an, obwohl ich noch nie in dieser Gegend gewesen bin. Loslassen ist sicher nicht meine Stärke, aber diesmal fällt mir der Abschied besonders schwer. Ich möchte bleiben und doch weiss ich, dass ich mich der Realität stellen muss. Der Frühling zeigt sich auch hier, wenn auch sehr zaghaft, es ist Mitte März. Ein Trost ist, dass uns zu Hause in der Schweiz der Frühling in seiner vollen Pracht erwartet.

In Gedser verbringen wir noch eine entspannte Woche am Meer. Ich geniesse die Ruhe und Zeit für mich zu haben mit dem Wissen, dass es bald anders sein wird. Alles geht mal zu Ende und Neues beginnt. Nichts ist für immer. DenMoment geniessen. Es gibt unzählige gut gemeinte Sätze, die absolut ihre Berechtigung haben. Das alles spiele ich unzählige Male bei meinen langen Spaziergängen im Kopf durch, ich schreibe es auf Tag für Tag. Das, was mir wichtig ist.
Ich weiss es und doch fühlt es sich irgendwie schwer an. Ich schreibe diese Zeilen ein Jahr nach unserer Rückkehr, im März 2022. Wenn ich bei meinen Spaziergängen gewusst hätte, wo wir heute stehen, dann hätten wir vielleicht manches anders gefühlt, gedacht und entschieden. Aber so ist es nun mal, zu dem Zeitpunkt war es so.
Unsere Reise zurück in die Schweiz ist also Wechselbad der Gefühle. Vor allem für mich. Chris wird seinem gewohnten Job nachgehen, seine Arbeitskollegen wieder sehen, aber was erwartet mich?
Wir wissen, dass sich eine grosse Baustelle sehr nah neben unserem Wohnhaus befindet, die mit Sicherheit nicht fertig sein wird. Schon vor unserer Abreise war diese ein ständiger Stressfaktor. Nahezu jeden Tag inklusive Samstag wurde ab sieben Uhr gehämmert und gefräst. Der Kran kreiste über uns und selbst am Abend hatte man noch das ständige "klack, klack" und hohe Surren des Motors in den Ohren. Wenn man sensible Ohren hat wie ich: ein Albtraum. Gespräche, Briefe mit der Bitte um mehr Rücksichtnahme an Samstagen fruchteten nicht wirklich. Zu Hause Arbeiten wurde zu einer eine Qual. Mir reisst es fast das Herz aus der Brust bei dem Gedanken, an die Enge, an den Lärm und die fehlende Rücksichtnahme auf uns Anwohner. Geld regiert die Welt, das ist so und damit müssen wir uns abfinden. Es gibt nur einen Weg, dem zu entkommen, in dem man wegzieht, in eine Gegend, wo einfach Platz ist. Ich bin fest entschlossen, diesem Dilemma ein Ende zu setzen. Ich mag dieses Gefühl der Enge nicht. Wir sind in diese Gegend gezogen, mit dem Ziel Platz und Ruhe zu haben. Deswegen haben wir uns auch entschieden, einiges mehr Miete zu zahlen. Wir wussten, dass gebaut wird, aber das Ausmass dieses Bauwerkes war uns nicht klar.
So wird nun das schöne Wiesenstück neben unserem Haus komplett verbaut. Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Für uns ist es eine Wüste aus Beton, ein Sinnbild des Kapitalismus, alles verbauen, so gross und effizient wie möglich. Sogar eine hohe Betonmauer um das ganze Grundstück wurde gegossen. Wir sind beide im Osten aufgewachsen, wir haben kein gutes Verhältnis zu Mauern. Es ist einfach ein schrecklicher Anblick. Nun gut.

Bereits während der Fahrt durch Deutschland trifft es uns gleich nochmal im Mark, überall maskierte Menschen, Warnschilder, 2G und 3G Tafeln. In Schweden war dieses traurige Kapitel in weite Entfernung gerückt. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Ist das wirklich wahr? Ja, es ist wahr. Ich muss weinen. Ich will nicht zurück, schluchze ich im Auto mit tränenerstickter Stimme. Chris streicht mir übers Bein, lächelt und sagt: "Wir kriegen das hin, meine Kleene, wir finden unseren Weg." Ich lächle zurück, noch nicht wirklich überzeugt davon. Unendlich dankbar sind wir, dass die Schweiz bereits alle Massnahmen aufgehoben hat. Das Heimkommen wird uns so erleichtert. Ich atme tief durch und verspreche mir, die Dinge auf mich zukommen zu lassen. Aber ich bin fest entschlossen, noch nicht wissend, welche Herausforderungen auf uns zukommen werden. Zum Glück weiss man das nie im Voraus. Im diesem Moment bin einfach unendlich dankbar, dass wir diese Reise gemacht haben. Sie hat uns verändert. Sie ist der Ausgangspunkt für eine Reise der ganz anderen Art.
Comments